Erinnern, verstehen, Verantwortung übernehmen

Rückblick auf die Gedenkstättenfahrt der Einführungsphase nach Polen

Bewegende Worte: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgen die Schilderungen der Zeitzeugin Zdzisława Włodarczyk

Am 10. Juli begaben sich mehr als 160 Adolfinerinnen und Adolfiner auf die lange Reise nach Oświęcim und Kraków. Was zunächst als gemeinsame Jahrgangsstufenfahrt begann, war weit mehr als eine gewöhnliche Reise nach Polen. Die Tage vor Ort waren geprägt von der intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, von bewegenden Begegnungen und vielen gemeinsamen Gesprächen und Reflexionen. Die Gedenkstättenfahrt führte an historische Orte, die bis heute untrennbar mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden sind, und gab den Jugendlichen zugleich die Möglichkeit, Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen zu begegnen.

Besonders eindrücklich waren die Gespräche mit zwei Zeitzeuginnen, deren Lebensgeschichten die Vergangenheit auf bewegende Weise greifbar machten. Stefania Wernik wurde 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau geboren. Bereits als Säugling wurde ihr die Lagernummer 89136 auf den Oberschenkel tätowiert. Bis heute setzt sie sich dafür ein, ihre Erfahrungen an junge Menschen weiterzugeben. Ihre eindringliche Botschaft lautete: „Kein Krieg mehr, kein Faschismus mehr – seid wachsam und weise.“ Außerdem begegneten die Teilnehmenden Zdzisława Włodarczyk. Sie wurde 1933 geboren und im August 1944 als Elfjährige gemeinsam mit ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie überlebte die Kinderbaracke und macht in ihren Gesprächen immer wieder deutlich, wie wichtig das Erinnern ist, damit Hass, Ausgrenzung und Krieg sich nicht wiederholen.

Neben der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Konzentrationslagers gehörte auch die Beschäftigung mit jüdischem Leben in Krakau zum Programm der Fahrt. Die verschiedenen Eindrücke eröffneten unterschiedliche Zugänge zu Geschichte, Erinnerung und Gegenwart. Während der gesamten Fahrt begleiteten die Teamerinnen und Teamer die Schülerinnen und Schüler. In gemeinsamen Gesprächen und Reflexionsrunden wurden die vielfältigen Eindrücke aufgegriffen und eingeordnet. So entstand Raum, Erlebtes zu verarbeiten, Fragen zu stellen und die Bedeutung der Geschichte für das eigene Handeln zu reflektieren.

Die Gedenkstättenfahrt war damit nicht nur eine Reise zu historischen Orten, sondern auch eine gemeinsame Erfahrung, die zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung anregte. Die Begegnungen mit den Zeitzeuginnen, die Besuche der Gedenkstätten und die gemeinsamen Gespräche haben bei den Schülerinnen und Schülern einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Ein besonderer Dank gilt allen Kooperationspartnern und Förderern des Auschwitzprojekts, insbesondere dem Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Moers, dem Evangelischen Schulreferat Duisburg/Niederrhein, dem Grafschafter Lions Club, dem Förderverein, den Eltern sowie den engagierten Teamerinnen und Teamern. Durch ihre Unterstützung und ihren Einsatz konnte auch in diesem Jahr eine besondere und nachhaltige Form der Erinnerungs- und Demokratiebildung ermöglicht werden.

Joshua Kirchberg (Eph) berichtet von seinen Eindrücken:

Freitag, 10.07.2026, 4:30 Uhr: Nur wenige Stunden nachdem ich meinen Freunden nach dem Nachmittagsunterricht noch einen schönen Abend gewünscht hatte, standen wir plötzlich gemeinsam auf dem Parkplatz Mühlenstraße. Für meine Freunde, meine drei Teamerinnen und mich begann die Auseinandersetzung mit dem Thema der Gedenkstättenfahrt jedoch nicht wirklich erst an diesem Morgen. Bereits im Laufe des Schuljahres hatten wir uns in vielen Kleingruppentreffen gemeinsam auf die Fahrt vorbereitet. Nun war es schließlich so weit – zunächst ging es nach Kraków und anschließend nach Oświęcim.

Ich begann die Fahrt mit einer einzigen Frage, auf die ich eine Antwort finden wollte: Wie konnte das passieren? In Oświęcim machte ich mich auf die Suche. Doch in den riesigen Gedenkstätten empfand ich zunächst nur ein unfassbar bedrückendes Gefühl. Wir gingen den letzten Weg vieler dort ermordeter Menschen: den Weg von der sogenannten „Judenrampe“, an der die sogenannte „Selektion“ stattfand, zu den Gaskammern und Krematorien IV und V. Auf dem Weg kamen wir an einer Baracke vorbei, dann an noch einer und noch einer und wieder einer. Die Baracken, in denen jeweils bis zu 1000 Menschen zusammengepfercht wurden, schienen nicht mehr aufzuhören. Es waren unfassbar viele, und auch der Weg schien kein Ende zu nehmen. Da wurden mir die Dimensionen des Massenmordes zum ersten Mal richtig bewusst.

Unerwartet waren die vielen Blumen und Wildtiere, die ich auf dem Gelände der Gedenkstätten sah. Ich stand an einer wunderschönen Wiese – wunderschön war sie allerdings nur, bis mir gesagt wurde, dass dieser Ort ein Massengrab für Tausende ermordete Menschen ist. Danach gingen wir in einen Raum, in dem Fotos hingen. Die Fotos zeigten Menschen in alltäglichen Situationen. Situationen, wie wir sie auch sehr gut kennen: Sie aßen Eis, fuhren Fahrrad, lachten und erweckten den Anschein, ihr Leben zu genießen. Dieses Leben wurde ihnen jedoch gleichzeitig mit ihrer Identität genommen. Mir persönlich wurde in diesem Raum bewusst, dass diese Menschen genauso menschlich waren wie ich und wie wir alle. Sie haben dieselben Dinge getan und dieselben Gefühle empfunden wie wir.

In einer Kinderbaracke sah ich eine Zeichnung von Kindern, die zur Schule gingen – genau das, was den Kindern durch die Nationalsozialisten genommen worden war. Dieser Gedanke hat sich für mich schrecklich und bedrückend angefühlt.

Im Stammlager haben verschiedene Nationen die Möglichkeit, in Ausstellungen ihrer jeweiligen Opfer zu gedenken. Die jüdische Ausstellung befindet sich in der Baracke mit dem Namen „Block 27“. Dort beschäftigen mich vor allem Kinderzeichnungen, die zeigten, wie Menschen erhängt wurden. Es hat mich unfassbar traurig gemacht, mir vorzustellen, dass Kinder so etwas Grausames mit ansehen mussten. Ich sah außerdem Kinderschuhe und winzige Kleidungsstücke. Besonders erschütternd war für mich der Gedanke, dass diese Sachen einmal Kindern gehört hatten, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Es war schwer für mich zu begreifen, dass selbst kleine Kinder dieses Leid erleben mussten. Auch heute fällt es mir schwer, diesen Gedanken wirklich zu verarbeiten.

Nach den Besuchen in den Gedenkstätten hatten wir noch die Möglichkeit, mit einer 1933 geborenen Zeitzeugin zu sprechen. Zdzisława Włodarczyk berichtete uns über den Hass, über die Schikanen und all die Grausamkeiten, die ihr als 11-jähriges Mädchen in Auschwitz-Birkenau widerfuhren. Allein durch ihre Mimik und Gestik wurde mir schon vor der Übersetzung ins Deutsche bewusst, welche Grausamkeiten die Dame erleiden musste. Es war sehr schwierig auszuhalten. Sie erinnerte uns auch daran, aus der Geschichte zu lernen und nicht dieselben Fehler wie die Menschen damals zu wiederholen. In dieser Situation erkannte ich gewisse Parallelen zur heutigen Zeit. Auch heute erleben Menschen Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass. Die Formen und historischen Zusammenhänge sind dabei nicht dieselben, doch die Erinnerung daran zeigt, wie wichtig es ist, frühzeitig gegen Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung einzustehen.

Dieser Gedanke beschäftigt mich auch über den Besuch hinaus. Ich habe Angst davor, dass sich menschenfeindliche Einstellungen und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft wieder verstärken könnten. Ebenso beunruhigt mich, dass Hass, Hetze und vereinfachende politische Parolen immer mehr Raum einnehmen. Besonders bedrückend ist für mich die Vorstellung, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe nicht mehr als Individuen, sondern nur noch als Teil dieser Gruppe wahrgenommen werden.
Trotz all dieser Gedanken habe ich auch Hoffnung. Nicht nur, weil ich erlebt habe, wie engagiert das gesamte Leitungsteam – bestehend aus Lehrerinnen und Lehrern sowie Teamerinnen und Teamern – war, sondern auch, weil es uns dabei unterstützt hat, das Erlebte zu verarbeiten. Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, für Demokratie und Menschenrechte einzustehen – und zwar immer und überall.

Ich bin dankbar, dass es mir ermöglicht wurde, an dieser wichtigen Fahrt teilzunehmen und ich hoffe, dass noch unzählige Jahrgänge zukünftig die Möglichkeit bekommen, sich diese schrecklichen Orte selber anzusehen und so aus der Geschichte zu lernen.

Ich möchte diesen Teilnehmerbericht mit einem Zitat beenden und gleichzeitig an Sie und Euch alle appellieren: Erinnern Sie sich, erinnert euch an das, was geschehen ist. Setzen Sie sich, setzt euch auch heute für unsere Demokratie sowie für Menschen- und Bürgerrechte ein. Denn nur wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, können wir verhindern, dass sich solche Ereignisse wiederholen.

„Those who do not remember the past are condemned to repeat it.“ (George Santayana)

Text: Daniel Schirra und Joshua Kirchberg (Eph)

Foto: Lennart Fischer (Teamer im Auschwitzprojekt)

— [Daniel Heisig-Pitzen]

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